Kolumnen von Benedikt Weibel
When I’m sixty-four
"Sonntag" 22. März 2009
Vor 42 Jahren erschien das epochale Beatles Album "Sgt. Pepper’s Lonely Heart’s Club Band". Vor meinem inneren Auge sehe ich noch heute, wie ich die LP mit dem fantastischen Cover in meiner Studentenbude erstmals abspielte. Und wie sehr mir der Mc Cartney Titel über das Alter gefallen hat, mit der ungewöhnlichen Begleitung mit drei Klarinetten und der Zeile "Will you still need me, will you still feed me?".
64 zu werden war damals eine surrealistische Vorstellung. Lange kann ich die Realität aber nicht mehr verdrängen. Und da hält man sich an jedes Zeichen, das diese Wirklichkeit in einem besseren Licht erscheinen lässt. So fühle ich mich beispielsweise im Vergleich mit der neuen Führung von Grossbanken direkt jugendlich.
Ein 64 jähriger Mann hat heute eine statistische Lebenserwartung von 16.5 Jahren, eine gleich alte Frau lebt im Mittel 3.8 Jahre länger. Seit der Veröffentlichung des schönen Songs der Beatles ist die Lebenserwartung der Männer um vier Jahre, jene der Frauen um viereinhalb Jahre gestiegen. Diese Entwicklung geht unvermindert weiter. Bis ins Jahr 2050 kommen weitere rund viereinhalb Jahre dazu.
Was machen wir mit dieser zusätzlichen Lebenszeit? Diese Frage wird systematisch verdrängt. Obwohl es dazu eine Antwort mit mathematischer Präzision gibt. Wir werden es uns nicht leisten können, für diese Zeit zusätzliche Renten zu generieren. Es führt deshalb kein Weg daran vorbei, dass länger gearbeitet werden muss.
Ich mache zur Zeit eine erstaunliche Erfahrung. Mit zunehmendem Alter wird mir Arbeit wichtiger. Immer mehr wird mir bewusst, wie sehr wir uns über Arbeit definieren. Der erste Schritt muss deshalb in den Köpfen von uns allen passieren: Länger arbeiten ist eine Chance. Der zweite Schritt betrifft die Arbeitgeber: Die Erfahrung der älteren Semester, kombiniert mit dem Sturm und Drang der jungen Generation, das erzeugt eine viel versprechende Dynamik. Vor allem aber muss die ältere Generation an sich selber arbeiten. In Umfragen zeigt sich immer wieder, dass ältere Arbeitnehmer unzufriedener sind als die Jüngeren. Das ist ein Zeichen mangelnder Beweglichkeit und Offenheit. Ich habe mich denn auch ab und zu gewundert, wenn mir jemand vorgerechnet hat, dass er nur noch drei Jahre bis zur Pensionierung arbeiten muss, so im Sinne von: Und dann beginnt das Leben...
Das entscheidende Argument liefert der 74 jährige Intelligenzforscher James Flynn: "Wenn ich nicht mehr arbeiten würde, läge mein IQ statistisch um etwas acht Punkte niedriger."