Kolumnen von Benedikt Weibel

Vasa-Syndrom

"Kolumne LoNa" 4.6.2026

König Gustav II. Adolf von Schweden beauftragte seine Werft, das grösste Kriegsschiff der Welt zu bauen. Das Schiff war schon in der Fertigung, als er befahl, es mit einem zweiten Kanonendeck aufzustocken. Die Schiffsingenieure wussten, dass das Schiff so nicht schwimmfähig war, getrauten sich aber nicht, dem König die Wahrheit zu sagen. 1668 lief die Vasa zur Jungfernfahrt aus. Nach 1300 Metern legte sie sich sanft auf die Seite und versank.

Das Vasa-Syndrom ist noch immer weit verbreitet. In Deutschland hat eine Umfrage ergeben, dass etwa die Hälfte der Beschäftigten Angst vor ihren Vorgesetzten haben. Der Spiegel hat das Thema unter dem Titel "Ende des Katzbuckelns" aufgegriffen. Das Team kommt zusammen, um das Projekt zu besprechen. Der Chef skizziert das Vorhaben. Und nicht wenige seiner Untergebenen wissen, so wird das nichts. Doch keiner sagt ein Wort.

Hochkotierte Fachleute entpuppen sich als Feiglinge. Auch im Umfeld des amerikanischen Präsidenten. Wie zu lesen war, hielten Vizepräsident, Aussenminister, und CIA-Direktor nichts von einem Angriff auf Iran, getrauten sich aber nicht, dem Präsidenten zu widersprechen.

„Das Klima am Arbeitsplatz ist in der Schweiz spürbar rauer geworden.“ Dieser nüchterne Befund lässt Ungutes befürchten. In Zeiten wirtschaftlichen Drucks wird Angst vermehrt als Führungsinstrument eingesetzt. Gerade in schwierigen Zeiten ist das fatal, weil Angst bekanntlich lähmt.