Kolumnen von Benedikt Weibel
Pourtalès
"Kolumne LoNa" 9.4.2026
An den absurdesten Vorfall in der modernen Schweiz mag sich heute niemand mehr erinnern. Der Kanton Neuenburg befand sich nach der Gründung des Bundesstaates in einer sonderbaren Zwitterstellung - einerseits als Kanton des neuen Bundesstaates, anderseits immer noch unter preussischen Herrschaftsrechten.
1856 zettelte die Neuenburger Aristokratie unter Führung von Karl Friedrich Graf von Pourtalès Steiger (Adelstitel vom preussischen König Friedrich Willhelm III verliehen) einen Aufstand gegen die Republik an, der von jurassischen Milizen vereitelt wurde. Acht Menschen starben, 667 royalistische Aufständische wurden wegen Landesverrats arrestiert. Den Anführern drohte die Todesstrafe.
Das wollte Preussen nicht hinnehmen und mobilisierte seine Truppen. Die Eidgenossenschaft schickte unter General Dufour 30'000 Mann an den Rhein. Dank der Vermittlung Englands konnte 1857 in Paris ein Vertrag ausgehandelt werden. Preussen verzichtete auf seine Souveränitätsrecht und die Schweiz sichert allen Angeklagten Amnestie zu. Graf Pourtalès ging in den Kanton Bern ins Exil. Am 5. Juni 1882 starb er in der Villa Mettlen in Muri.
Bern und Muri haben den beiden Protagonisten des «Neuenburgerhandels» eine Strasse gewidmet. Das Strassenschild der Dufourstrasse in Bern enthält biografische Angaben; in Muri fehlt ein derartiger Hinweis. Wäre auch schwierig, eine passende Legende zu finden.
Benedikt Weibel