Kolumnen von Benedikt Weibel

Ewiges Gespenst

"Kolumne LoNa" 04.10.24

Vor Jahrzehnten brachten die drei grossen Magazine Deutschlands die gleiche Titelgeschichte. Am 9. November 1990 die Zeit: «Blind in den Stau. Nie war der Unterschied zwischen Parken und Autofahren so unbedeutend wie in der vergangenen Woche von Nürnberg Richtung Berlin. Auf 200 Kilometer Hochgeschwindigkeitspiste standen und krochen Stossstange an Stossstange Zehntausende Autos. Der endlose Stau droht, die Verkoppelung der alltäglichen Zusammenbrüche.»

Am 5. März 1991 der Stern: Auf der Titelseite ein mit Autos gefüllter Turm zu Babel. «Nichts geht mehr.» Zwei Wochen später der «Spiegel»: «In den Hauptverkehrszeiten bewegt sich in der City oft gar nichts mehr.» Der «Verkehrsinfarkt» schien unmittelbar bevorzustehen.

Heute gibt es in Deutschland und der Schweiz über 60 Prozent mehr Autos. Die Autos sind breiter und länger geworden. Weder in Deutschland noch in der Schweiz sind die Strassen in grossem Stil ausgebaut worden. Und trotzdem ist das Schreckgespenst des Verkehrsinfarkts nicht eingetreten. Warum?

Das Mobilitätsverhalten hat sich verändert. Wer sich von A nach B bewegen will, hat die Entscheidungsfreiheit über Zeit und Transportmittel. Man kann auf eine Verschiebung auch verzichten. Mit Google-Maps gibt es eine Entscheidungshilfe, die vor 35 Jahren noch nicht existierte. Die Selbstverantwortung funktioniert. Und das ist doch eine gute Nachricht.

Benedikt Weibel