Kolumnen von Benedikt Weibel
Aschenputtel
"Kolumne LoNa" 31.10.2024
Nach dem Neubau galt der Bahnhof Bern als architektonischer Wurf. Sein Image begann aber bald zu bröckeln. In den Nullerjahren wurde er umfassend saniert und mit dem Aufgang Neuengasse und der Welle an der Schanzenstrasse ergänzt. Seit 2008 steht der Baldachin. Mit der Verlängerung der RBS-Einfahrt werden zurzeit mehr als eine Milliarde Franken in den Bahnhof gepumpt.
Trotzdem finden Stadt und Gemeinderat, es brauche «tiefgreifende Veränderungen. Rund um den Bahnhof Bern ist meist ein Gewusel. Menschen eilen auf den Zug, kommen an, kaufen ein. Das Gebiet ist heute eine Verkehrsdrehscheibe und das soll sich ändern. Wenn die Trams nicht mehr unter dem Baldachin durchfahren, hat er ausgedient. Das oberirdische Bahnhofgebäude soll verschwinden»
Mal halblang: Ein Bahnhof ist eine Verkehrsdrehscheibe! Bern hat alles, was einen guten Bahnhof ausmacht: Gute Zugsverbindungen, perfekte Anbindung an den Nahverkehr (dank Baldachin auch wenn es regnet), gute Einkaufs- und Verpflegungsmöglichkeiten.
Nun hat ein Prinz das Aschenputtel erlöst: In der vom «Consumer Choice Center» publizierten Rangliste der europäischen Bahnhöfe belegt Bern hinter Zürich in diesem Jahr den zweiten Platz - vor Utrecht, drei Pariser Bahnhöfen, Wien, Rom … Ohne jedes mediale Echo in Bern.
Die bernischen Behörden wollen offenbar einen Platz ohne Bahnhof, Trams und Busse - dafür «Bäume, Boulevards, mehr Freiräume, weniger Verkehr». Willkommen in Seldwyla!
Benedikt Weibel