Kolumnen von Benedikt Weibel

Kritik am Bahnausbau: Fakten statt Polemik

"LoNa" 23.06.24

Angefangen hat es am Anlass «50 Jahre Gesamtverkehrskonzept Schweiz». In meinem Vortrag präsentierte ich die Kernthesen meines eben erschienen Buches über Wege und Irrwege zu einem nachhaltigen Verkehr:

Wir verfügen über hervorragende Strassen- und Bahnnetze. Im Durchschnitt sind diese Netze mässig ausgelastet. Grosse Ausbauvorhaben brauchen von der Idee bis zur Inbetriebnahme mindestens 25 Jahre - Tendenz steigend. Als griffige Massnahmen gegen den Klimawandel kommen sie zu spät.

In der Pause sprach mich ein junger Mobilitätsplaner an. Er teile meine Meinung, wie auch viele seiner Kollegen. Im Januar 2023 trafen sich elf Personen zu einem Brainstorming. Gemeinsamer Nenner: Leidenschaft für die Eisenbahn und Eisenbahn-Know-how. Heute weiss ich, dass einige von ihnen zu den besten Mobilitätsplaner des Landes gehören. Nach intensiver Diskussion beschlossen wir, ein Projekt zu starten, dem wir den Namen «Prometheus» gaben. Auf der Basis bestehender Ressourcen sollten drei Ziele erfüllt werden: Erhöhung des Marktanteils der Bahn; häufiger - schneller - direkter im Personen- und Güterverkehr; rasche Umsetzbarkeit.

Mitte April 2023 stand das Konzept. Die Ausgangshypothese, dass wesentlich mehr aus dem Bestehenden herausgeholt werden kann, sahen wir bestätigt. Für das weitere Vorgehen wählten wir eine Metapher aus dem Fussball: Wir spielen den Ball in die Tiefe des Raums, in der Hoffnung, dass die Träger des öffentlichen Verkehrs ihn annehmen und aufs Tor schiessen wie eben Shaqiri im Spiel gegen Schottland. Ich stellte das Konzept den Spitzen von Bundesamt für Verkehr (BAV), Verband öffentlicher Verkehr und SBB persönlich vor. Ich erläuterte den drei Herren, dass es sich bei «Prometheus» um eine Betaversion handle, die formbar ist. Als Verfahren schlugen wir eine «Testplanung» gemäss SIA vor. In allen Gesprächen wies ich darauf hin, dass ich mich nach der Projektübergabe zurückziehen werde. In meinem kleinen schwarzen Büchlein habe ich diese Gespräche protokolliert.

Der Direktor des BAV sagte am 9. Mai 2023: «Ich bin bereit, den Ansatz zu unterstützen. Methode Testplanung gut. Erwarte Widerstand von der ,Fahrplanfraktion’. Die Verbindung von Wohlen nach Zürich wird um 5 Minuten beschleunigt.» Seither habe ich nicht mehr von ihm gehört. Mit der SBB gingen die Gespräche bis Ende 2023 weiter. Seit diesem Jahr herrscht Funkstille.

Wir warteten lange, bis wir beschlossen, mit unseren Ideen an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir sind hoch erfreut über das Echo. Missverständnisse müssen wir auf die eigene Kappe nehmen, weil wir offenbar zu wenig präzise waren. In meinem Referat, das ich am 5. Juni im Verkehrshaus gehalten habe, stehen zwei wichtige Sätze: «Das heisst nicht, dass auf jeglichen Ausbau verzichtet wird. Aber zurück zu den alten Tugenden: die Kunst ist, mit möglichst geringen Investitionen eine möglichst grosse Netzwirkung zu erzielen.» Wir haben nie von einem Baustopp gesprochen. «Moratorium» bedeutet, dass Projekte, die noch kein Plangenehmigungs-Verfahren hinter sich haben, bezüglich Notwendigkeit und Kosten-/Nutzenverhältnis überprüft werden.

Das Beispiel Ausbau Bahnhof Lausanne zeigt, weshalb es keinen Sinn macht, jetzt noch neue Grossprojekte in Angriff zu nehmen: Beginn der Planung 2010; budgetierte Kosten 1,05 Milliarden Franken; geschätzte Kosten heute 1,7 Milliarden Franken; geplante Fertigstellung 2037. Das Projekt ist so weit fortgeschritten, dass es nicht mehr abgebrochen werden kann. Während der langen Bauphase wird der Bahnverkehr in der Westschweiz beeinträchtigt.

Bis zum Ziel der Klimaneutralität bleiben uns noch etwas mehr als 25 Jahre. Bis dahin wird, wie der Fall Lausanne zeigt, kein neues Grossprojekt Wirkung erzielen. Im Gegenteil: der Betrieb wird massiv beeinträchtigt und das grosse Potenzial, mehr aus dem Bestehenden herauszuholen, geht verloren.

Stattdessen haben wir vorgeschlagen, eine Vision für die Angebots- und Netzentwicklung nach 2050 zu entwickeln, die sich vom Bestehenden löst. Dazu haben wir eine erste, noch wenig reflektierte Idee entwickelt. Wir hoffen, dass damit ein Wettbewerb der Ideen ausgelöst wird.